Symposium, Berlin, 22. Mai 2015, Bericht von Angelika Koppe, ANME e.V.

Dieses Symposium wurde von der Robert-Bosch-Stiftung mit Unterstützung der Carl-Carstens-Stiftung veranstaltet. Voller Neugierde besuchte ich als ANME-Mitfrau diese Tagung, der Titel ließ hoffen….
Zum Thema beleuchteten Mediziner und Wissenschaftler verschiedene Aspekte und Quellen der heutigen Praxis des „Zu-viel- Behandelns“ im Gesundheitssystem und gingen der Frage nach, ob und wann „weniger- Handeln“, weniger PatientInnenversorgung, weniger Medikamente notwendig sein könnten.
Der erste Redner war Peter Gotsche, Direktor des Nordic Cronache Center, mit seinem Vortrag „Das Dilemma der Pharmakotherapie und mögliche Wege zu einem menschlichen Gesundheitssystem“. Der dänische Wissenschaftler belegte die Macht der Pharmaindustrie und den Mainstream von „noch-mehr- Medikamenten-Dosen“… mit teilweise tödlicher Auswirkung für die PatientInnen. Ein Zitat von Dr. Gotsche, »Evidence based Medicine sollte eigentlich Marketing based Medicine heißen.“ Dazu ein Artikel vom 24.4.2014 erscheinen in der Neuen Züricher Zeitung. Seine Forderungen sind eine bessere Aufklärung der PatientInnen und die Möglichkeit für ein dementsprechend ausführlichen Gesprächs. Sein Buch Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität – wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert“ sollte unbedingt gelesen und weiterverbreitet werden!!

 Auch im zweiten Vortrag „Wieviele Arzneimittel brauchen wir?“ zeigte Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, die profitinteressierten Hintergründe in der Arzneimittelzulassung auf. Seine wichtige Forderung ist zum einen mehr Information für die ÄrztInnen, von denen sich nach eigenen Angaben nur ca. 30 % ausreichend über die Wirkung der Medikamente informiert fühlt und zum anderen die Durchführung von unabhängigen Studien.
„Das die FDA, die Food and Drug Administration aus den USA, die Studien für die meisten globalen Medikamente erstellt war mir auch neu“, so das Erstaunen einer Tagungsteilnehmerin.

Andreas Michalsen, Leiter der Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus in Berlin Wannsee/ Charitè, erläuterte in seinem Beitrag „Lebensstilbasierte Prävention und Medizin zu einer Gesundheitsversorgung der Zukunft“ dass es ausreichend (Langzeit-) Studien gibt, wie eine Veränderung des „Life-Style“ positiv für die Gesundheit von Menschen wirkt, z.B. Ernährung, Bewegung, Achtsamkeit, veränderte Freizeitgewohnheiten. Die dazu vorliegenden wissenschaftlichen, evidenzbasierten (!!) Erkenntnisse werden von der herkömmlichen Medizin weitgehend ignoriert. So ist das Wissen um einen „healthy lifestyle“ wenig angesehen in der Ärzteschaft, es gibt wenig Gelder für dessen Erforschung, und zu wenig Zeit für Gespräche mit PatietInnen über eigenverantwortliche Änderungen in der Lebensweise.

Wolfgang Klitzsch, ehemaliger Geschäftsführer der Ärztekammer Nordrhein, berichtete in seinem Vortrag „Bedingungen der Patientenorientierung der ärztlichen Heilkunst“, dass seinen soziologischen Studien zufolge „unzufriedene Zustände“, in denen verschiedene Beteiligte Veränderungen fordern, sehr stabil sind – und damit auch in der Medizin. Seine Forderungen sind - mehr Geld und Verantwortung (statt inflationärer Fachärzteanzahl), praxisnähere Ausbildung der ÄrztInnen, Abbau von Standespolitik, Abbau der Überforderung der Ärzte, weg vom Massenbetrieb usw. Aber er konstatierte im Wesentlichen gleichzeitig die Aussichtlosigkeit solcher Änderungen und betonte die Notwendigkeit struktureller Änderungen im Gesundheitssystem.

Robert Jütte zeichnete als Medizinhistoriker in seinen „Medizinhistorischen Anmerkungen“ die Entwicklung der Medizin bzw. die der Medikamentenentwicklung im Gesundheitssystems von 1800 bis heute nach: um 1800 gab es ca. 1000 Medikamente, heute gibt es ca. 60 000 industriell hergestellte Mittel. Er empfiehlt „therapeutische Zurückhaltung“ und „Respekt-Akzeptanz-Empathie“ im Umgang mit PatientInnen, -vermittelt schon in der Ausbildungszeit von ÄrztInnen.

Ulrich Schwantjes, Professor an der Med. Hochschule Brandenburg/Neuruppin, forderte in seinem Vortrag „Allgemeinmedizin in einer Gesundheitsversorgung von morgen“ eine Stärkung der Hausärzte in ihrer Informations- und Begleitungskompetenz. Dies erfordere eine Änderung des Honorarsystems für ÄrztInnen – aber auf die Nachfrage, warum die ÄrztInnen denn dieses nicht selbst in ihrem Punktesystem umorientieren, war die Reaktion nur ein allgemeines Schulterzucken (nicht nur des Referenten!)..

Klaus Linde, Institut für Allgemeinnmedizin der TU München, beschrieb in seinem Vortrag „Warum es so schwer ist, nicht zu be-handeln“ die Verunsicherung der Hausärzte und welche Auswirkungen dies auf das „Behandeln-Müssen“ hat. Er beschrieb den Druck unter dem ÄrztInnen stehen, „lieber zu handeln“ als das kleinere Risiko. Weitere handlungstreibende Faktoren sind der Erwartungsdruck von PatientInnen, die Wahrung von Kontrolle über die Behandlungssituation – auch das Gesicht zu wahren- der Wettbewerb unter den KollegInnen, die Leitlinien für ärztliches Behandeln, usw. Sein Vorschlag zur Verbesserung der Behandlungssituation sind „gute Rollenvorbilder in der ärztlichen Praxis“.

Harald Wallach untersuchte mit seinem Vortrag die Frage „Welche paradigmatische Basis braucht eine Gesundheitsversorgung von morgen?“. Seine Thesen und Forderungen veröffentlicht er in seinem Blog www.harald-wallach.de. Herr Wallach sieht in dem Paradigma der „Körpermaschine“ die Grundlage und Quelle der „Ursachentherapie“ im Medizinsystem sowie der entsprechenden medikamentösen Behandlung. Dieses Modell ist veraltet, höchstens noch in der Notfallmedizin sinnvoll. Heute sind komplexe und chronische Erkrankungen aktuell, wie z.B. Depression (laut WHO), metabolisches Syndrom, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Arzneimittelnebenwirkungen usw. Als wichtige Bestandteile neuer Paradigmen benannte er: die Systembiologie, Anerkennung von Selbstheilungskräften, Salutogenese, Eigenverantwortung und Bewusstsein von PatientInnen im Gesundheitssystem. Dazu stellte er die weitreichenden Forderungen auf:

  • Gesundheit muss belohnt werden;
  • Schwerpunkt des Gesundheitssystem liegt auf dem Verhalten, der Verantwortung und dem Lebensstil von PatientInnen;
  • Gesundheitskassen statt Krankenkassen;
  • „Zeit“ als Berechnungsgrundlage für das ärztliche Honorar;
  • multiple therapeutische Module in einer Pluralen Versorgungslandschaft.

Weitere detaillierte Informationen gibt es im Internet unter http://intrag.info/wenigeristmehr/

Kommentar:
Es ist sehr gut, dass sich prominente CAM-Aktivisten, gesundheitspolitische Organisationen und fortschrittliche WissenschaftlerInnen für patientInnenorientierte Veränderungen in der Gesundheitsversorgung zu Wort melden - ihre Positionen öffentlich vertreten, austauschen und diskutieren. Und wunderbar ist das unermüdliche Engagement der Carstens-Stiftung sowie die Offenheit der Robert-Bosch-Stiftung für solch eine Öffentlichkeitsarbeit: wir brauchen noch mehr davon…

Vermisst habe ich in dieser Veranstaltung, dass die vielen, vielen kritischen Ausführungen (scheinbar?) keine praktischen Konsequenzen haben: die öffentliche Positionierung der – im Sinne der Patientinnenorientierung- fortschrittlichen Wissenschaftler und Ärzte resultierte nicht in einer offensiven, gemeinsamen Anstrengung zur Veränderung im gesundheitspolitischen Raum. Jede Fachperson ist in ihrem eigenen Arbeitsfeld engagiert tätig – aber die Ausrichtung auf eine gesellschaftspolitische Einflussnahme, z.B. die Bildung einer einflussreichen Lobby, fehlte komplett. Den Erkenntnissen der Vortragenden folgten (bis auf Ausnahmen) keine konkreten gesundheitspolitischen Forderungen nach z.B. neuartigen gesundheitlichen Angeboten zur Förderung von PatientInnenkompetenz, nach neuen Einrichtungen im gewohnten Gesundheitssystem, neuen Inhalten in der ÄrztInnenausbildung und auch ausreichender Finanzierung patientInnenfreundlicher und naturheilkundlicher Ansätze.

Geradezu rückschrittlich war an dieser Tagung, dass Frauen in der Welt der Tagungsveranstalter und Referenten kaum existierten: als Referentin war lediglich eine Frau geladen, die einen Erfahrungsbericht als Patientin beisteuern sollte (- aber aufgrund einer Erkrankung nicht kommen konnte); im Sprachgebrauch gab es nur den „ Arzt“ und den „Patienten“; die zitierten wissenschaftlichen Studien stammten überwiegend von männlichen Wissenschaftlern; Erkenntnisse der Genderforschung fanden überhaupt keine Erwähnung….

Meiner Meinung nach brauchen wir eine gemeinsame Vision für ein modernes Gesundheitssystem, eine Zukunftsausrichtung, für die sich die verschiedensten Aktivisten in unserem Gesundheitssystem begeistern könnten: für PatientInnen-Orientierung, für die Förderung von PatienntInnen-Eigenkompetenz/ Selbstheilungskompetenz, für die Vielfalt der Behandlungsangebote – angefangen von Naturheilkunde bis zur Intensivmedizin- mit einer vernünftigen Finanzierung. Als Zwischenschritt wäre m.E. eine gemeinsame Lobby auf politischer Ebene sinnvoll und wichtig…