Rede von EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg

Mitglied der Europäischen Kommission, zuständig für Gesundheit und Verbraucherpolitik in Brüssel, Belgien, 27. Juni 2013

Tonio Borg besuchte eine gemeinsame Sitzung im Europäischen Parlaments mit den Interessengruppen der Abgeordneten (MEP) gegen Krebs und Abgeordneten für Komplementär-und Alternativmedizin. Kommissar Borg richtet sich an die Europäische Interessengruppe des Parlaments für  Komplementär-und Alternativmedizin (CAM)
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Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich zunächst sagen, wie sehr ich mich freue, mich in dieser Sitzung an die Europäischen Parlaments Interessengruppe der Komplementär- und Alternativmedizin zu richten und uns mit der Bedeutung der ökonomischen Diskussion dieser Form der Medizin zu befassen. Darf ich auch besonders Herrn MEP Peterle für seine freundliche Einladung danken.
Lassen Sie mich mit der grundlegenden Vision der Kommission in der weiten Zukunft der öffentlichen Gesundheit in der Europäischen Union starten - einer Vision, die wie ich hoffe, vom Europäischen Parlament geteilt wird.
Wir versuchen, einen Weg zu nachhaltigen Gesundheitssystemen aufzuzeigen, welche ein hohes Maß an Schutz der Gesundheit aufzeigen und welche die Patientinnen und Patienten schnell zum Erfolg führen. Die Menschen zu ermächtigen gut informierte Entscheidungen über ihre Gesundheit und die Behandlungsmöglichkeiten zu treffen ist wichtig. Ebenso wichtig ist es die Qualität und Effizienz der Gesundheitssysteme in der Europäischen Union zu erhöhen.
Alle Patienten und Patientinnen in Europa sollten Zugang zu qualitativ hochwertiger, erschwinglicher und sicherer Gesundheitsversorgung haben, unabhängig davon, wer sie sind, wo sie leben, oder wie viel sie verdienen.


Es ist ein wichtiger Grundsatz des Arzneimittelrechts der Union, dass Patientinnen und Patienten Zugang zu den Arzneimitteln ihrer Wahl haben. Dazu gehören innovative Medikamente ebenso wie traditionelle pflanzliche und homöopathische Arzneimittel. Selbstverständlich sind alle erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um die Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit der fraglichen  Arzneimittel zu gewährleisten.
Dies erklärt, warum das Gesetz vorsieht, dass ein Arzneimittel erst auf den Markt eines Mitgliedstaats gebracht werden kann, wenn eine Genehmigung dafür auf europäischer Ebene oder von den zuständigen nationalen Behörden ausgestellt worden ist.
Das Ziel dieser Regelungen ist es, die öffentliche Gesundheit zu schützen und gleichzeitig den Marktzugang durch die Erleichterung des freien Verkehrs von Arzneimitteln innerhalb der Union zu fördern.
Die Union fördert ein günstiges regulatorisches Umfeld für die Entwicklung innovativer Medikamente, die sicher und wirksam sind, Rechtssicherheit für die Entwickelnden und bietet Anreize für Innovationen an. Die zentralisierte Zulassung für neue Medikamente vereinfacht den Zugriff auf alle Märkte der Mitgliedstaaten.
Vor allem aber hält es die höchsten Standards der wissenschaftlichen Beurteilung dieser Produkte ein und erhält so das Vertrauen der Patienten. Auf den Punkt gebracht, hat die EU so ein optimiertes Verfahren zur Erfüllung der Bedürfnisse innovativer Medizin-Hersteller erreicht, was letztendlichen dem Nutzen der Patienten und Patientinnen dient..


Gleichzeitig erkennt die Union vollkommen, dass es ergänzende und alternative Heilmethoden mit besonderen Eigenschaften gibt, die über das Konzept der herkömmlichen Arzneimittel hinausgehen.
Im Gegensatz zu der vollen Zulassungsanforderung, die für Arzneimittel gilt, profitieren  traditionelle pflanzliche und homöopathische Arzneimittel von einem vereinfachten Zulassungsverfahren, welches bestimmte Kriterien erfüllt, die im Europäischen Gesetz festgelegt sind. Dieses Verfahren ist weniger belastend als dasjenige, welches durch die volle Zulassung erforderlich ist, es erleichtert somit den Zugang dieser Produkte auf den Markt.

Im Bereich der komplementären und alternativen Medizin, kann die Verfügbarkeit  unter den Mitgliedstaaten manchmal variieren. 
Dies ergibt sich, weil die zuständigen Behörden in den Mitgliedstaaten das Recht haben, zusätzliche Daten zu verlangen, falls sie es als notwendig erachten, um die Sicherheit eines Arzneimittels  zu beurteilen.


Um diese Abweichungen in der Verfügbarkeit anzugehen, war es unser Ziel, das Verständnis und die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten zu verbessern. Dieses Ziel wird verfolgt durch die European Medicines Agency-EMA, dem Committee on Herbal Medicinal Products-CHMP und der Heads of Medicines Agencies Working Group für homöopathische Arzneimittel-HMA.

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Patienten-Selbstversorgung ist auf dem Vormarsch. Es dient dazu, Patienten und Patientinnen schrittweise in den Fahrersitz zu setzen, indem sie die Verantwortung und Kontrolle über ihre eigene Gesundheit selbst übernehmen. Patientinnen und Patienten wissen oft, welche Behandlung ihnen hilft und welche Gesundheitsversorgung für ihren Zustand effizient ist. Das kann auch den Einsatz von Komplementärmedizin beinhalten.
Patienten und Patientinnen sind frei zu wählen, ob sie eine Behandlung durch konventionellen und komplementären Medizin erhalten wollen. In bestehenden Gesundheitsversicherungsmodellen - beim Besuch des Hausarztes zum Beispiel - gibt es Grenzen für die Behandlungen. Patienten und Patientinnen haben das Recht zu wählen. Aber sowohl Ärztin als auch Patient sollten einen fruchtbaren Dialog über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten anstreben.


Meine Damen und Herren,
Lassen Sie mich wieder auf das Thema der heutigen Konferenz, die ökonomische Diskussion der komplementären und alternativen Medizin, zurückkommen.
Unsere Gesundheitssysteme in ganz Europa stehen unter doppelten Druck. Einerseits stehen wir vor einer Verschärfung der öffentlichen Ausgaben als Folge der Wirtschaftskrise, auf der anderen Seite erhöhen sich die Kosten der Gesundheitsversorgung stetig - dies ist zum Teil auf die steigende Nachfrage einer alternden Bevölkerung und auf die steigenden Kosten der medizinischen Produkte und Dienstleistungen zurückzuführen.

Gesundheitssysteme sind im Wesentlichen dazu aufgefordert, mit weniger Ressourcen mehr zu bieten - ein schwieriges Problem ist zu lösen.
Die breite Lösung liegt bei der Steigerung der Effizienz unserer Gesundheitssysteme und Investitionen in kostengünstige Innovation. Alternative Medizin kann hier eine wichtige Rolle spielen. Jede Behandlung, die bessere Ergebnisse zu niedrigeren Kosten zeigt,  ist ein Schritt nach vorn auf dem Weg zu nachhaltigen Gesundheitssystemen.


Ich werde eine Studie über die Verfügbarkeit von Arzneimitteln für den menschlichen Gebrauch bis zum Ende dieses Jahres präsentieren. Sie wird auch auf die Verfügbarkeit der komplementären und alternativen Heilmethoden aufzeigen.
Diese Studie wird sich mit den möglichen Auswirkungen, die europäischen Rechtsvorschriften über die Zulassung von Arzneimitteln auf ihre Verfügbarkeit haben, befassen.

Zusätzlich zu dieser Regelung gibt es noch andere wichtige Faktoren, die die Verfügbarkeit beeinflussen, wie Preisfindung und Erstattungs-Politik, die in die Zuständigkeit der Mitgliedstaaten fallen.
Daher ist die Kommission auch in einem Prozess der Gemeinsamen Verantwortlichkeit (Corporate Responsibility) im Bereich der Pharmazie tätig. Dieser Prozess bringt die Mitgliedstaaten und andere Interessengruppen auf freiwilliger Basis zum Austausch von Ideen und Wissen zu Themen rund um den Zugang zu Medikamenten zusammen. Darüber hinaus hat die Kommission die Entwicklung der Forschung in komplementären und alternativen Medizin im Rahmen des Siebten Rahmenprogramms (FP7), insbesondere das sogenannte "CAMbrella"-Projekt unterstützt.
Die Ergebnisse dieses Projekts wurden im November 2012 vorgestellt. Das primäre Ziel war es, die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten  betreffend komplementärer und alternativer Medizin zu erleichtern und zu fördern, um europäische Forschung in diesem Bereich zu organisieren. Diese Initiative und Ausrichtung könnte ein wichtiger Schritt nach vorn sein, um die Wahlfreiheit der Patienten und Patientinnen zu erweitern, damit sie Vertrauen in die Sicherheit und Wirksamkeit von alternativer und komplementärer Gesundheitsversorgung haben können.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!