Welche Zusammenhänge bestehen zwischen dem Immateriellen Kulturerbe (IKE) im Sinne der UNESCO-Konvention von 2003 und den Heilsystemen und Methoden der Traditionellen und Komplementären Medizin und Heilkunde?

ANME fordert die Anerkennung der Traditionellen Medizin (CAM) als ein „Immaterielles Kulturerbe“

Die menschliche Entwicklung ist ohne kulturelle Errungenschaften nicht denkbar. Bis heute findet dieses kulturelle Erbe seinen Ausdruck beispielsweise in der Kunst, Mode, Musik, Medizin oder bei der Zubereitung von Speisen. Dazu gehört auch nicht greifbares Wissen über Pflanzen, spirituelle Praktiken, Tänze und rituelle Zusammenhänge als sogenanntes “immaterielles Kulturerbe“. Die traditionellen Heilmethoden und ihre Medikamente besitzen kulturelle Wurzeln, die zum Teil Tausende von Jahren alt sind und noch in allen Kontinenten dieses Planeten existieren.

Gemäß der Satzung von ANME sind alle Formen der natürlichen Medizin traditionales Kulturerbe, das allen Menschen gehört. Von daher ist es dringend notwendig dieses Erbe zu schützen und es in der Zukunft so originalgetreu wie möglich für die europäischen Bürger und die naturheilkundlich Tätigen in Europa zu erhalten.

Das bedeutet:

  1. Wir brauchen für die neue “Patientenrechtsrichtinie” einen eigenen Absatz, in dem das Recht auf “immaterielles Kulturerbe” festgeschrieben wird: “Jeder Patient in Europa und jedem Mitgliedsstaat hat heute und in Zukunft das Recht traditioelle Heilmethoden/CAM im ursprünglichen Zusammenhang als immaterielles Kulturerbe in Anspruch zu nehmen.”
  2. Weiterhin brauchen wir einen eigenen Absatz, der die Anwendung des immateriellen Kulturerbes in die Regularien für naturheilkundlich Tätige aufnimmt:

    “Die naturheilkundlichen Anwender von traditionellen Heilmethoden/CAM in Europa sind die Bewahrer dieses immateriellen Kulturerbes und haben die Freiheit dieses Erbe heute und in Zukunft anzuwenden.”

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Feier in Paris, 15. November 2018, UNESCO-Hauptsitz

Bericht von Nora Laubstein

Vor dem grauen Betonpalast der UNESCO in Paris wartete bereits seit 8:00 Uhr eine Besucherschar aus der ganzen Welt darauf eingelassen zu werden. Mit einiger Verspätung war es dann soweit: Herr Dr. Denis Colin, der Präsident der WADO (World Acupuncture Day Organisation), moderierte die Veranstaltung, zu der eine große Anzahl chinesischer Vertreter erschienen waren.

Als erster Redner sprach sich der Präsident der WFAS (World Federation of Acupuncture Societies), Professor Liu Bao-Yan, energisch für wissenschaftliche Forschung und Integrative Medizin aus. Er verwies auf die besondere Rolle die den weltweit aufgebauten 34 Akupunktur-Service-Centern dabei zukommt.

Der Abgeordnete des Pariser Stadtparlaments, Herr Buon Huong Tan, beschrieb den 2009 gestellten Antragsverlauf zur Anerkennung von Akupunktur als Immaterielles Kulturerbe. Zwei Krankenhäuser, das St.Salpitiere in Paris und ein Krankenhaus in Hongkong, lieferten die praktischen Grundlagen für den Antrag bei der UNESCO.

Die Kneipp-Therapie mit ihren fünf Säulen Wasserheilkunde (Hydro- und Balneotherapie), Heilpflanzen (Phytotherapie), Bewegung, Ernährung (Diätetik) und Ordnungstherapie (Soziales Verhalten, Biorhythmus sowie integrativ: Body and Mind-Therapy) hat von der Deutschen UNESCO die Anerkennung als ein lebendiges, gestern-heute-und-morgen gemeinsam angewendetes immaterielles Kulturerbe erhalten!

Das ist eine bedeutende Würdigung von unterschiedlichen Verfahren der CAM (Komplementäre und Alternative Medizin). Es zeigt zusätzlich die kulturelle Bedeutung auf, die diese Verfahren für Gesundheitspädagogik, Fürsorge und Prävention sowie Heilbehandlungen besitzen. Für die Menschen bedeutet die Anwendung von CAM-Verfahren: die Erfahrung eines Gemeinschaftsgefühls. Gerade hier zeigt sich auch die positive Bedeutung von Selbsthilfe in Form von „Hilfe zur Selbsthilfe“!

Am Beispiel der Kneipp-Verfahren zeigt sich auch, dass die kulturelle Einschätzung und Berücksichtigung ein zweites gesundheitsbezogenes Standbein für die Bewertung naturheilkundlicher Verfahren und Gesundheitspolitik ist!

(Intangible Cultural Heritage, ICH) in Deutschland

Verband für Traditionelle Tibetische Medizin

China hat im letzten Jahr einen eigenen Antrag für Tibetische Medizin alias Sowa Rigpa, auf Tibetisch ‘das Wissen vom Heilen’, als Chinas Geistigem Kulturerbe (Intangible Cultural Heritage, kurz ICH) bei der UNESCO gestellt. Auf Grund einer nationalen UNESCO- Wartelisteregelung muss China jedoch bis zum Herbst 2016 warten, um Tibetische Medizin offiziell als ICH einschreiben zu können. Daher ist es jetzt unsere einzige Chance, Tibetische Medizin multinational und weltweit anerkannt zu bekommen und dadurch auch national jeweils den Weg zur offiziellen Anerkennung dieses Medizinsystems zu ebnen, indem wir jetzt in diesem Jahr gemeinsam einen multi-nationalen Antrag auf Sowa Rigpa (Tibetische Medizin) stellen, zu dem wir China einladen werden teilzunehmen. Wir sind explizit nicht politisch und auch nicht religiös oder sektiererisch motiviert.

Sondierungsgespräch zur Antragsstellung bei der UNESCO-Deutschland: Die Traditionelle Naturheilkunde als immaterielles Kulturerbe – 28. Oktober 2014 in Baden-Baden.

Bericht von Nora Laubstein

Der Arbeitskreis für mikobiologische Therapie (AMT) hatte ins Palais Biron in Baden-Baden geladen, um sich in konstruktiver Runde Gedanken über eine Antragstellung bei der deutschen UNESCO zu machen. Herr Dr. Peters moderierte die Veranstaltung und begrüßte im Gremium Herrn Hanke (UNESCO-D), Frau Schröpel (Hessisches Ministerium f. Wissenschaft + Kunst), Frau Heinze (Hufelandgesellschaft e.V.), Frau Laubstein (ANME e.V.), Frau Prof. Dr. Kraft (Uni-Rostock) und Frau Dr. Noseck-Licul (Dokumentationszentrum CAM, Wien).

Als Vertreter der deutschen Antragsteller waren erschienen: Frau Neff (DNB e.V.), Frau Wais (DAMID e.V.), Herr Dannhart (KNEIPP-Bund e.V.), Frau Dr. Boeddrich + Herr Krebs (EHK e.V.), Herr Mayer (HVB e.V.), Herr Germann (BDH e.V. + Phytaro), Frau Dr. Keim (IGHH e.V.) und Herr Dr. Schmidt (AMT e.V.). Somit waren neben Ärzten und Heilpraktikern auch die Patienten vertreten - eine Mischung, die sich im Verlauf der Veranstaltung als große Bereicherung erwies.

Evidenzen herstellen und aushandeln aus Sicht der Medical Anthropology

Autor: Mag.a Michaela Noseck